Klinik

29.08.2025

Ein Leben für die Pflege: Marita Waßmer geht in den Ruhestand

path

42 Jahre Salem-Krankenhaus – das ist nicht nur eine beeindruckende Zahl, sondern auch ein gelebtes Stück Geschichte. Marita Waßmer hat in dieser Zeit Generationen von Pflegenden begleitet, Strukturen aufgebaut und den Pflegeberuf mit Leidenschaft und Haltung geprägt. Mehr als drei Jahrzehnte stand sie als Pflegedirektorin an der Spitze, immer mit Blick für die Menschen – Mitarbeitende wie Patientinnen und Patienten. Nun fällt der Vorhang. Der Ruhestand ruft. Anfang Oktober verabschiedet sich die Salem-Familie in einem Gottesdienst mit anschließendem Empfang in der dann festlich dekorierten Hauskapelle von einer Persönlichkeit, die wie kaum eine andere für Kontinuität, Empathie, Loyalität und Verlässlichkeit steht. In einem Interview schaut Marita Waßmer noch einmal auf ihr bewegendes Berufsleben zurück und gibt hier und da auch Einblicke in ihr Seelenleben.

Hallo, Frau Waßmer. Erzählen Sie. Wie kamen Sie zu diesem Beruf?
Waßmer:
Ich kann mich an die Anfänge noch sehr genau erinnern. Meine Eltern ermöglichten mir seit meinem 11. Lebensjahr jedes Jahr eine Sprachreise. Ich wollte Krankenschwester werden, weil ich mit 14 Jahren durch einen Auslandsaufenthalt im schottischen Edinburgh eine sehr herzliche und hilfsbereite Krankenschwester kennengelernt habe, die in einem Heim für Multiple-Sklerose-Kranke arbeitete. Die Begegnungen mit ihr und den Patienten haben mir gezeigt, wie viel Freude mir das Helfen und die zwischenmenschliche Interaktion von Mensch zu Mensch bereiteten. Ein soziales Jahr im Mannheimer Theresien-Krankenhaus hat diese Entscheidung dann noch gefestigt.

Sie haben Ihr pflegerisches Fundament später durch ein betriebswirtschaftliches Studium ergänzt. Welche Bedeutung hatte diese Verbindung von Praxis und Management für Ihre Rolle als Pflegedirektorin?
Waßmer:
Ich habe mich für ein berufsbegleitendes Studium in Betriebswirtschaft entschieden, um meine Fähigkeiten in der Leitung und Organisation im Gesundheitswesen zu erweitern, um neue Herausforderungen anzunehmen und meine Karriere zu fördern. Später habe ich noch die Studiengänge Qualitätsmanagerin und Fachwirt für Reinigung und Hygiene absolviert. 

Warum kann ein BWL-Studium für eine Pflegedirektorin wichtig sein?
Waßmer:
Als Pflegedirektorin ist man für die Organisation, Leitung und Weiterentwicklung der Pflege verantwortlich. Betriebswirtschaftliche Kenntnisse wie Führung, Implementierung von Qualitätsmanagement, Kostenmanagement und Budgetierung als auch die strategische Planung spielen dabei eine wichtige Rolle. Um effizient zu führen, Ressourcen zu planen, Kosten zu kontrollieren und wirtschaftlich zu handeln, sind BWL Kenntnisse erforderlich, um mit anderen Bereichen wie Verwaltung über Finanzen effektiv zu kommunizieren. Pflegeerfahrung und BWL-Wissen befähigen in meiner Position besonders, um erfolgreich leiten zu können.

Noch einmal zurück zu den Anfängen. Sie waren ja nicht sofort in der Pflegedirektion tätig, sondern….
Waßmer:….
als Krankenschwester. Meinen Kolleginnen und mir ist damals sehr viel an Wertschätzung entgegengebracht worden. Die Beziehung zu Patienten und die Dankbarkeit, die man oft von ihnen erfährt, ist tatsächlich etwas Besonderes und zeigt die Bedeutung in Berufen des Gesundheitswesens. Wenn ein Patient am nächsten Tag zu mir sagte, „wie schön, dass Sie wieder da sind, Schwester Marita“, – das war Anerkennung und Motivation zugleich. 

Wenn Sie von dem Beruf der Krankenschwester sprechen, betonen Sie häufig Begriffe wie „Fähigkeiten“ oder „Pflege“. Was konkret ist damit gemeint?
Waßmer:
Unsere Fähigkeit, sich in die betroffenen Menschen hineinzuversetzen, die komplexen Situationen mit den Augen der uns anvertrauten Patienten zu sehen, ist eine Stärke unserer Profession. Eine weitere Stärke liegt darin, gemeinsam mit den betroffenen Patienten Wege zu finden, mit Einschränkungen umzugehen und trotz dieser Hürde ein erfülltes Leben zu führen. Patienten in ihrer letzten Lebensphase würdevoll zu begleiten, empfinde ich als einen sehr sensiblen und wichtigen Aspekt. Diese Momente haben mich in jungen Jahren sehr geprägt.

Sie haben mit ihrem eingespielten Team jahrzehntelang sehr erfolgreiche Arbeit für das Salem-Krankenhaus in der Pflege geleistet. Was hat sich in der Pflege negativ verändert?
Waßmer:
Das ist ein Abend füllendes Thema. Ich kann mich aber dennoch kurz fassen. Zu den negativen Veränderungen zählen in jedem Fall eine verkürzte Verweildauer, die Koordination der vielen Arbeitsabläufe, eine hohe Logistik, Zeitdruck-Stress und nicht zuletzt ein erhöhter Dokumentationsaufwand.

Und was positiv?
Waßmer:
Eine ganze Menge. Unsere Pflegekräfte sind in all den Jahren meines Schaffens deutlich selbstbewusster geworden. Überhaupt ist der Pflegeberuf nicht mehr eine Art Assistenz des Arztes, sondern ein eigenständiger Beruf oder auch Studium. Heißt: Nach Jahrzehnten ist auch in Deutschland die Pflege an den Hochschulen angekommen. Immer mehr Pflegefachpersonen studieren ihr Fach. Hebammen studieren beispielsweise an der FH in Ludwigshafen oder an der Uniklinik Tübingen und tätigen ihren praktischen Einsatz in unserem Kreißsaal und auf der Wochenbettstation in unserer wunderschönen Villa Menge. Diverse Studiengänge sind im Angebot, wie zum Beispiel Pflegemanagement, Pflegewissenschaft oder auch Pflegepädagogik. 

Welche Rolle spielt „Employer Branding“ in diesem Zusammenhang?
Waßmer:
Wenn wir das Thema „Positive Veränderungen in der Pflege“ diskutieren, muss man zwingend „Employer Branding“ nennen. Natürlich. Die junge Generation ist in den Sozialen Medien zu Hause. Wir als Unternehmen müssen und wollen dort präsent sein, um unsere Arbeitgebermarke SALEM authentisch und modern zu präsentieren. Pflege ist ein außergewöhnlicher Beruf mit einer Vielfalt an Entwicklungsmöglichkeiten. 

Wer ein Interview zur Pflege führen möchte, kommt an dem Thema „Pflegenotstand“ nicht vorbei. Bundesweit klagen Kliniken über chronische Personalengpässe. Wo sehen Sie die zentralen Ursachen für diese Entwicklung?
Waßmer: 
Der demografische Wandel spielt sicherlich eine elementare Rolle. Die Bevölkerung wird älter, was zu einem steigenden Bedarf an Pflegeleistungen führt. Laut Statistischem Bundesamt wird bis 2049 der Bedarf an Pflegekräften um ein Drittel auf 2,15 Millionen steigen. Gleichzeitig altern auch die Pflegefachkräfte selbst und es wird mit einem Mangel von bis zu 690.000 Pflegekräften gerechnet. Meine Kolleginnen und Kollegen bundesweit werden es in der Zukunft mit weiter steigenden Anforderungen und hohen Belastungen zu tun bekommen.

Konkret auf das Salem-Krankenhaus bezogen. Wie sieht die Personalsituation bei uns in der Pflege aus?
Waßmer:
Allein mit inländischen Kräften kann der immense Bedarf an Pflegenden nicht mehr gedeckt werden. Da herrscht bei uns im Haus absoluter Konsens. Der Pflegefachkräftemangel hat mittlerweile eine alarmierende Dimension erreicht. Das ist eine Entwicklung, die besorgniserregend ist, insbesondere wenn man an die Zukunft und die eigene Versorgung im Alter denkt. Es ist ein Thema, das sowohl die Gesellschaft als auch die Gesundheitssysteme vor große Herausforderungen stellt.

Sind wir gewappnet? Und wenn ja, wie?
Waßmer:
Natürlich sind wir gewappnet, sagen dem zunehmenden Fachkräftemangel den Kampf an und blicken dabei auch über die Landesgrenzen hinaus. So werden unter anderem Pflegende aus der Ukraine ihre Fach-Anerkennung bei uns ableisten. Dazu starten sechs indische Azubis ab Oktober 2025, die zurzeit im südindischen Kerala in einer Klosterschule Deutsch bis zum B2-Abschluss lernen. Es ist für uns ein neues, interessantes Projekt. Der Kontakt über Pfarrer Augustin im Bistum Würzburg zeigt auch die Bedeutung von Netzwerken und Kooperationen für solche Initiativen.

Hört sich gut und relativ einfach an. Richtig?
Waßmer:
Oh, nein. Das sehen Sie komplett falsch. Der Weg hin zur erfolgreichen Integration von Pflegekräften aus dem Ausland ist mit zahlreichen Herausforderungen gepflastert. Sprachbarrieren, die Anerkennung von Qualifikationen und unterschiedliche Pflegeverständnisse sind nur einige der Hürden, die es zu überwinden gilt. Die Integration internationaler Pflegekräfte ist ein komplexer Prozess. Positiv jedoch ist zu bemerken: Migranten bringen oft mehrsprachige Fähigkeiten mit, die in einer multikulturellen Gesellschaft wie die unsere von Vorteil ist. Gemeinsam mit unseren Praxisanleitern und Pflegefachkräften eines jeden Bereiches geben wir unser Bestes, diese Kolleginnen und Kollegen anzuleiten und zu integrieren. Nicht zuletzt durch gezielte Sprachförderung, die wir finanzieren. Eine vielschichtige Belegschaft bietet kulturelle Vielfalt und verbessert das Verständnis im Umgang mit Patienten.

In den vergangenen Wochen haben Sie auf Ihrer hausinternen Abschiedstour sicherlich zahlreiche Gespräche geführt. Welche Begegnungen und Eindrücke haben Sie dabei besonders bewegt?
Waßmer:
In der Tat habe ich viele Gespräche geführt und dabei zu meiner großen Freude noch einmal erfahren dürfen, wie intensiv sich meine Kolleginnen und Kollegen – und nicht nur aus der Pflege – mit unserem Salem-Krankenhaus identifizieren. Das gibt mir am Ende meiner Karriere ein gutes Gefühl. Viele unserer langjährigen Pflegenden sind nach wie vor stolz auf ihren Beruf. Der Anteil der älteren Pflegenden ist im Kontext des Fachkräftemangels für das Personalmanagement zwar eine komplexe Herausforderung, jedoch nach meinen Erfahrungen bieten gerade diese Menschen ein großes Potential durch ihr vorhandenes Wissen. Berufsanfänger können mit dieser Begleitung Sicherheit einüben. Es gilt vor allem auch unsere langjährigen Mitarbeitenden zu pflegen und ihnen besonders zu danken, denn nur durch ihre Unterstützung ist das alles Tag für Tag erst möglich.

Ein Blick auf die nächste Generation: Welche Erwartungen und Wünsche äußern unsere Auszubildenden in der Pflege heute?
Waßmer:
Gut, dass Sie unseren Nachwuchs ansprechen. Ja, auch mit unseren Auszubildenden habe ich mich immer wieder ausgetauscht. Ein Fazit aus diesen Gesprächen: Sie wünschen sich für die Zukunft, dass sie mehr Zeit mit den Patienten verbringen können. Ebenso mehr Autonomie und Flexibilität in ihrem Tun. Auch Themen wie etwa Umwelt/Müllvermeidung im Krankenhaus wurden genannt. Da sind wir durch unseren „Grünen Engel“ bereits auf einem guten Weg. Die KollegInnen von morgen sind nicht auf der Suche nach strikten Anweisungen, sondern nach einem Umfeld, in dem sie kreativ arbeiten und Verantwortung übernehmen können. Ein hohes Maß an Eigenverantwortung fördert dabei die persönliche Weiterentwicklung und führt zu besseren Ergebnissen.

Wagen wir gemeinsam einen Ausblick in die Zukunft. Welche Entwicklungen und Herausforderungen werden die Pflege in den kommenden Jahren besonders prägen?
Waßmer:
Sie sprechen Visionen an. Ok, unsere Vision der Pflege für die nächsten, sagen wir einmal fünf Jahre, muss sein, den Arbeitsalltag von Pflegekräften durch eine bedarfsgerechte Personalausstattung und die Implementierung von wirkungsvollen digitalen Innovationen so zu optimieren, dass auf organisatorischer Ebene weitere effiziente Ablaufstrukturen entstehen können. Die Digitalisierung verspricht effizientere und patientenorientierte Strukturen. Diese Entwicklungen erfordern jedoch Investitionen in technische Infrastruktur und vor allem in eine intensive Weiterbildung. Eine enge Zusammenarbeit aller Akteure ist entscheidend, um die Reformen erfolgreich umzusetzen. Trotz der Herausforderungen markieren die Neuerungen einen wichtigen Schritt zu einer modernen und nachhaltigen Pflege. 

Sie erlauben mir zum Abschluss zwei persönliche Fragen: Nach einem erfüllten Berufsleben – wie wollen Sie Ihre neu gewonnene Freiheit oder auch Freizeit gestalten? Und wie sieht es gerade in Ihnen aus?
Waßmer:
Fragen, die natürlich unter die Haut gehen. Meine Verabschiedung findet am 6. Oktober in unserer Hauskapelle statt, zu der ich einen besonderen Bezug habe. Dort wurde 1999 meinen Sohn Timotheus getauft, den ich im Übrigen auch hier im Salem geboren habe. Mit einem Segen in meine neue Lebensphase verabschiedet zu werden ist für mich eine bedeutungsvolle Geste. Außerdem möchte ich meine Gesundheit stärken, um aktiv und unterstützend für meine Eltern da zu sein- die mich dankenswerterweise mein Leben lang sehr unterstützt haben. Geplant ist im Frühjahr nächsten Jahres eine Marokkoreise zusammen mit meinem Sohn, auf die ich mich sehr freue. Zudem mehr Zeit für Dinge haben, die mir wichtig sind oder einfach die Möglichkeit, das Leben in Ruhe zu genießen. Ich bin mehr als dankbar. Ich fühle mich durch die vielen guten Jahrzehnte, die ich hier im Salem erleben durfte, gesegnet.

 

powered by webEdition CMS