
Klinik
Auch im Salem-Krankenhaus
fängt die Hygiene bei den Händen an
Krankenhausinfektionen sind in Deutschland ein ernstzunehmendes Problem. Jährlich, so aktuelle Zahlen aus dem Bundesgesundheitsministerium, erkranken rund 500.000 Menschen, die zu einem Teil vermieden oder beeinflusst werden können. Etwa 10.000 Patienten versterben - laut Schätzungen aus Studien - an den Folgen. Eine Zahl, die betroffen macht. Krankenhaushygiene ist daher längst ein zentrales Qualitätsmerkmal moderner Gesundheitsversorgung geworden. Die konsequente Vermeidung von Infektionen ist und bleibt eine tägliche Herausforderung – im OP-Saal ebenso wie auf der Normalstation oder in der Krankenhauslogistik. Das gilt natürlich auch für das Salem-Krankenhaus. Axel Schuler ist Hygiene-Fachkraft am „Salem“. In einem Interview spricht der 58-Jährige unter anderem über seine anspruchsvolle Tätigkeit, zeigt auf, wo sich Keime gern verstecken, erläutert, welch wichtigen Job unsere Reinigungskräfte machen und erklärt, dass Hygiene bereits beim Händewaschen beginnt.
Hallo, Herr Schuler. Die Einstiegsfragen lauten natürlich: Wie lange üben Sie diesen Job schon aus und wie sind Sie dazu gekommen?
Schuler: Ich übe diesen Job seit 2013 aus. Damals wurde es notwendig, eine Hygiene-Fachkraft im Krankenhaus Salem einzustellen. Gefragt wurde ich seinerzeit vom Ärztlichen Direktor dieses Hauses, Herrn Professor Seitz. Herr Professor Seitz dachte, das könnte etwas für mich sein bzw. wollte er jemanden haben, der das Salem gut kennt, der ein gewisses Alter und nicht zuletzt ein Standing bei unseren Ärzten hat. Das hat alles gepasst. Ich habe gerne zugesagt.
Wer unterstützt Sie bei Ihrer anspruchsvollen Tätigkeit?
Schuler: Der Krankenhaus-Hygieniker des Uni-Klinikums Heidelberg, Privat-Dozent Dr. Christian Brandt, der auch die Hygiene-Kommission leitet, ist mein Ratgeber. Da kann ich jederzeit nachfragen, was mir auch sehr wichtig ist. Im Salem-Krankenhaus sind die jeweils leitenden Ärzte der Abteilungen meine ersten Ansprechpartner. Sie sehen also, ich bin umgeben von hoher Kompetenz in einem hochsensiblen Krankenhaus-Bereich.
Skizzieren Sie bitte die wesentlichen Aufgaben der Krankenhaushygiene und wo liegen Ihre Arbeitsschwerpunkte?
Schuler: Die Krankenhaushygiene ist bekanntlich zuständig für die Infektions-Prävention zur Gesunderhaltung und zur Gesundheitsförderung der Patienten. Anders formuliert: Der Krankenhaushygiene obliegt die Hauptaufgabe, Patienten, aber auch unser Personal vor sogenannten nosokomialen Infektionen zu schützen. Es geht hier konkret um die strenge Überwachung von Hygieneanforderungen, die Beratung und Schulung unseres Personals, um die Erfassung und Bewertung von Infektionen und schließlich um die Umsetzung der so wichtigen Präventionsmaßnahmen. Also Maßnahmen ergreifen, die verhindern, dass Infektionen quasi von a nach b getragen werden.
Angesichts der beunruhigenden Infektions-Zahlen hierzulande wird allseits gefordert: Die Hygiene in deutschen Krankenhäusern muss sich signifikant verbessern. Gilt das auch für unser Salem? Oder anders gefragt: Ist bei uns alles getan? Wo könnte noch nachgebessert werden?
Schuler: Ist die Hygiene in deutschen Krankenhäusern schlecht? Da stelle ich sogleich die Gegenfrage: Aus welcher medialen Ecke kommt eine solche Frage? Das ist mir einfach zu allgemein. Damit tun wir unserem deutschen Gesundheitswesen unrecht. Aber zurück zu unserem Salem-Krankenhaus: Wir sind hier gut aufgestellt. Natürlich gibt es auch bei uns Verbesserungspotential, natürlich macht es immer Sinn, mehr Schulungen anzubieten. Ich muss in diesem Zusammenhang aber auch den Faktor Zeit nennen. Es gilt stets zu prüfen, wie es um die zeitlichen Ressourcen der Kolleginnen und Kollegen bestellt ist.
Wer sich mit Krankenhaushygiene beschäftigt, kommt an der Kernaussage „Hygiene fängt bei den Händen an“ nicht vorbei. Richtig?
Schuler: Absolut. Die Hygiene fängt bei den Händen an. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation – kurz WHO - werden bis zu 80 Prozent aller Infektionskrankheiten über die Hände übertragen. Dazu gehören etwa Krankheiten wie Erkältungen, die Grippe oder auch ansteckende Magen-Darm-Infektionen. Händewaschen ist eine einfache, aber überaus effektive Maßnahme, die vor einer Ansteckung schützen kann. Meine Empfehlung für den Alltag: Wenn sie sich regelmäßig gründlich die Hände waschen, schützen sie sich und andere vor vielen Krankheitserregern. Denn gründliches Händewaschen senkt die Anzahl der Keime an den Händen erheblich. Damit verringert sich das Risiko, dass Erreger beispielsweise mit dem Essen in den Mund oder über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper gelangen oder an Familienmitglieder oder andere Personen weitergereicht werden. Auch wurde in vielen Studien nachgewiesen, dass sich durch gründliches Händewaschen die Häufigkeit von Atemwegs- und Durchfallerkrankungen deutlich reduziert. Weiter wichtig: Nach dem Waschen bitte nicht die Hautpflege vergessen.
Wichtiger Meinungs-Austausch dank eines gut funktionierenden MRE-Netzwerkes
Wo verstecken sich Ihrer Meinung nach die Risiken für Krankenhauskeime im Patienten-Alltag?
Schuler: Sie benutzen hier den Begriff „Krankenhauskeim“. Dieser Begriff ist zwar weitverbreitet, aber in wissenschaftlicher Hinsicht nicht präzise bzw. irreführend, da er suggeriert, dass es sich um eine bestimmte „krankenhauseigene“ Art von Keimen handelt, was nicht zutrifft. Aber zurück zu Ihrer Frage: Besondere Vorsicht ist immer geboten, wenn die natürliche Schutzbarriere der menschlichen Haut durchbrochen wird. Etwa durch eine Operation oder durch einen Katheter. Erreger können auch durch einen Beatmungsschlauch oder einen Drainageweg in den menschlichen Körper eindringen – dies kann man nicht gänzlich eliminieren, durch korrektes Arbeiten aber sehr stark minimieren.
Jetzt einmal ehrlich: Wie erleben Sie die Reaktionen von Pflegekräften, von Ärztinnen und Ärzten sowie weiteren Mitarbeitenden – begegnet man Hygienevorgaben eher mit Verständnis oder kommt bisweilen auch Widerstand?
Schuler: Da kann ich nur sagen: Unsere Leute im Haus sind sehr verständnisvoll. Widerstand? Eigentlich sehr selten. Es werden eher Themen angesprochen, die auch für mich hilfreich sind. Die aus dem Alltag resultieren. Ich freue mich beispielsweise, wenn Kollegen mit einer Idee kommen, wie man Prozesse praktikabler und effizienter gestalten kann. Ich finde es auch gut, dass unsere Leute bei mir nachfassen, nachfragen, wenn ich einen Sachverhalt vielleicht nicht so verständlich kommuniziert habe. Spätestens dann weiß ich, das Thema ist von Interesse. Gibt mir ein gutes Gefühl.
Stichwort Infektionsprävention: Welche Rolle nehmen die Reinigungskräfte bei uns am Salem ein?
Schuler: Natürlich eine große Rolle. Denken Sie an unsere vielen Zimmer und dann an die Bereiche, die mit den Händen angefasst werden. Damit meine ich zum Beispiel die Türklinken. Die müssen und werden täglich sehr, sehr gründlich gereinigt. Es kommen viele Menschen von außerhalb in unser Haus, Angehörige und Freunde etwa, die unsere Patienten besuchen – manchmal auch dann, wenn sie selbst nicht ganz gesund sind. Sie wollen ihre Angehörigen nicht enttäuschen und bringen ihre Krankheitserreger mit ins Salem. Das kann man von Krankenhausseite einfach nicht verhindern, macht unsere Arbeit aber nicht leichter – im Gegenteil.
Erfolgreiche Hygienekonzepte leben vom kollegialen Austausch. Wie intensiv ist unser Salem-Krankenhaus mit anderen Häusern und Fachgesellschaften im Bereich Hygiene eigentlich vernetzt?
Schuler: Wir sind sehr gut vernetzt. Damit spreche ich besonders das sogenannte MRE-Netzwerk an. MRE steht für multiresistente Erreger. Das sind Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika resistent geworden und daher schwer zu behandeln sind. Multiresistente Erreger nehmen leider kontinuierlich zu und werden mit wachsender Besorgnis beobachtet. Daher sind deutschlandweit MRE-Netzwerke gegründet worden. Ihre Aufgabe besteht in der koordinierten Bekämpfung dieser Erreger und der Ermöglichung weitgehender therapeutischer und pflegerischer Maßnahmen. Auch bei uns in Heidelberg ist ein solches Netzwerk unter Federführung des örtlichen Gesundheitsamtes aus der Taufe gehoben worden.
Interessant. Wie genau ist man damals vorgegangen?
Schuler: Das Gesundheitsamt hat sich früh um ein solches Netzwerk bemüht, hat alle Kliniken rund um Heidelberg angeschrieben. Wir hier im Salem sind seinerzeit direkt eingestiegen und gehören demnach zur Gründungstruppe. Heute tauschen wir uns – mindestens zweimal im Jahr - zu den unterschiedlichsten Hygiene-Themen regelmäßig aus. Die ganze Geschichte ist mittlerweile gewachsen und nennt sich heute MRE-Netzwerk-Metropolregion-Rhein-Neckar. Der große Vorteil: Ich stehe in einem engen Austausch mit sämtlichen Kliniken aus dem Rhein-Neckar-Kreis, aus Heidelberg, aus Ludwigshafen und aus Mannheim. Das ist für meine Arbeit – wie man sich unschwer vorstellen kann – sehr hilfreich. Nicht vergessen möchte ich die Fachbehörden sowie das MVZ-Labor Dr. Limbach bei uns in Heidelberg - da kenne ich meine Ansprechpartner längst persönlich.
Eine Frage ganz privat: Sie stehen erneut vor der Entscheidung, Hygiene-Fachkraft am „Salem“ zu werden. Was antworten Sie?
Schuler: Ihre Abschlussfrage kann ich schnell beantworten. Ich würde nicht zögern und sagen: Ja, ich möchte diese Tätigkeit gern wieder ausüben. Es ist ein ungemein spannender, facettenreicher und verantwortungsvoller Job, den ich - der aus der Intensivmedizin kommt - längst aus großer Überzeugung mache.